INTERMEZZO
London, England - 1811
Thierry wusste, dass es eine Falle war, dennoch ging er hin. Er hatte keine andere Wahl.
Er hielt sich versteckt und beobachtete.
Ein Nachtwandler hatte es geschafft, Veronique mit romantischen Versprechungen zu einem verlassenen Haus in Londons East End zu locken. Obwohl Thierry wusste, dass seine Frau eine Schwäche für attraktive Männer hatte, wenn sie ihr nur ein bisschen Aufmerksamkeit widmeten, überraschte es ihn, dass sie tatsächlich so naiv gewesen war, sich zu den Hafenanlagen locken zu lassen. Es war eine extrem heruntergekommene und widerliche Gegend.
Der fragliche Nachtwandler war äußerlich allerdings nicht als solcher zu erkennen. Obwohl er nie tagsüber ausging, schien er tatsächlich ziemlich normal zu sein. Auf den ersten Blick war er ein attraktiver, gut gekleideter Privatier.
Ein Nachtwandler, der eine Menge Frauen umgebracht hatte, und zwar allesamt Vampire. Er war ein willfähriges Werkzeug der Jäger, die Nachtwandler als Geheimwaffen testeten. Thierry wusste als Einziger davon. Er wusste auch, dass die Jäger kürzlich zu dem Schluss gekommen waren, dass das eine ziemlich schlechte Idee war.
Denn man konnte Nachtwandler nicht kontrollieren. Einem von ihnen zu vertrauen, war ein fast immer tödlicher Fehler.
Thierry wusste auch, dass das baufällige Gebäude, in dem Veronique gefangen gehalten wurde, ebenfalls von drei Jägern beobachtet wurde. Sie warteten darauf, dass der Nachtwandler Veronique tötete. Sie war eine Vampirfrau, die sie für äußerst gefährlich hielten. Danach wollten sie selbst den Nachtwandler abschlachten.
Er und Veronique hatten seit Monaten nicht miteinander gesprochen. Sie hatte ihn verlassen, um nach London zu gehen, sich unter die reichen Reißzahnbürger zu mischen und eine Reihe Affären mit Männern einzugehen, die deutlich jünger waren als sie.
Thierry wartete darauf, dass er Eifersucht oder Wut über die Eskapaden seiner Frau empfand, doch er fühlte nichts dergleichen. Das verwirrte ihn. Es müsste ihm doch etwas ausmachen, dass seine Frau untreu war, oder etwa nicht?
Aber es war ihm schlicht gleichgültig.
Manchmal starrte er spät in der Nacht in den Himmel und machte sich Sorgen, dass er vielleicht kein Herz mehr hatte, nichts mehr an ihm menschlich war. Vielleicht war sein menschlicher Anteil während der Pest vor beinahe fünfhundert Jahren gestorben. Das war eine lange Zeit.
Er schüttelte den Kopf. Jetzt war nicht die Zeit für finstere Gedanken. Sie schwächten ihn.
Er setzte sich die Maske des Roten Teufels auf und schlich in das Gebäude.
Der Nachtwandler hatte Veronique bereits gebissen. Die Bissspuren an ihrem Hals waren erstaunlich gut verheilt, doch sie waren noch zu erkennen. Er hatte draußen von seinem Versteck aus beobachtet, wie das Monster ihre Haare zur Seite gestrichen und sich über sie gebeugt hatte, um von ihr zu kosten. Zunächst hatte sie seinen Biss willkommen geheißen, doch ihre Lust hatte sich schnell in Angst verwandelt. Als sie ihn hatte wegstoßen wollen, hatte er sie so fest geschlagen, dass sie bewusstlos geworden war. Er hatte sie gefesselt und sie im Raum allein gelassen. Wenn der Nachtwandler zurückkehrte, würde er sie umbringen.
Als Thierry die Fesseln löste, rührte sie sich, wandte ihm ihr wunderschönes Gesicht zu und starrte ihn mit weit aufgerissenen Augen an.
»Sie sind ... Sie sind der Rote Teufel«, flüsterte sie.
»Ja.«
»Und Sie sind gekommen, um mich zu retten?«
Die Maske fühlte sich warm an. Er hasste es, sie zu lange zu tragen. »Ja.«
Als die Fesseln gelöst waren, packte er sie am Arm und half ihr aufzustehen. Sie warf ihre Arme um ihn und umarmte ihn fest.
»Wie kann ich Ihnen jemals danken?«
Er machte sich los und blickte auf sie hinunter. »Das ist nicht nötig.«
Sie starrte ihn an. Die Maske bedeckte den Großteil seines Gesichtes, allerdings waren sein Mund und die Augen zu sehen. Er wartete, ob sie ihn erkannte. Er wünschte sich fast, dass sie sein Geheimnis herausfinden würde, doch in ihren Augen war kein Zeichen zu erkennen, dass sie ihn erkannte. Die Frau, die er seit beinahe fünfhundert Jahren kannte, schien nicht zu wissen, wer er wirklich war.
Andererseits war sie davon überzeugt, dass ihr Mann ein Feigling war, der vor Gefahren davonlief. Sie wäre niemals auf die Idee gekommen, dass er den Roten Teufel kannte, geschweige denn, dass er selbst der Rote Teufel war.
Niemand wusste davon. Nicht eine einzige Seele.
»Kommen Sie.« Er nahm ihre Hand und führte sie ans offene Fenster.
Die Tür flog mit einem Knall auf. Der Nachtwandler war zurückgekommen, seine Augen waren pechschwarz, und er fletschte seine Reißzähne. Ohne jegliche Vorwarnung griff er an, doch Thierry wehrte ihn ab, wobei er sich schützend vor Veronique stellte.
Plötzlich stürmten die Jäger in den Raum, und es herrschte totales Chaos. Als der Nachtwandler sich zu ihnen umdrehte, um sie anzugreifen, sprang Thierry mit Veronique aus dem Fenster und rannte mit ihr drei Blöcke durch die schmutzigen Londoner Gassen.
»Gehen Sie«, sagte Thierry. »Sie sind in Sicherheit.«
Veronique warf die Arme um ihn und rieb ihre halb entblößten Brüste fest an seinem Körper. »Sie sind genauso bemerkenswert, wie man es sich erzählt.«
Er wusste nicht, wie er darauf reagieren sollte. Er fühlte sich nicht so bemerkenswert.
Sie zog seine Lippen an ihren Mund und küsste ihn, dann lehnte sie sich zurück und betastete die Lippen mit den Fingern.
Jetzt muss sie mich doch erkennen, dachte er.
Sie lächelte ironisch. »Ein Kuss vom Teufel persönlich. Ich könnte mich glatt daran gewöhnen.«
»Sie müssen gehen.«
»Verraten Sie mir, wer sich hinter der Maske verbirgt«, sie ließ ihre elegante Hand seine Brust hinuntergleiten, »und ich zeige Ihnen, wie dankbar ich bin, dass Sie mich gerettet haben.«
Er beugte sich dichter zu ihr. »Wissen Sie denn nicht, wer ich bin?«
Sie blickte ihn verwirrt an. »Nein. Bitte sagen Sie es mir. Ich begehre Sie, ich will mit Ihnen zusammen sein. Wir wären ein fantastisches Liebespaar.«
Thierry ignorierte ihre Worte und zog Veronique hinter sich her, bis sie aus der schlimmsten Gegend heraus waren.
»Gute Nacht, Veronique«, sagte er und kehrte ihr den Rücken zu.
»Nein, warten Sie! Bitte! Woher kennen Sie meinen Namen?«
Doch er war gegangen und hatte sich nicht noch einmal umgesehen. Nachdem er hinter dem nächsten Gebäude verschwunden war, hatte er die rote Maske abgenommen.
»Herr?«, krächzte eine alte Frau. »Möchten Sie etwas über Ihr Schicksal erfahren? Einen Blick in die Zukunft werfen?«
»Das Schicksal interessiert mich nicht.«
Er versuchte, sich an ihr vorbeizudrängen, doch sie packte seine Hand und legte sie in ihre eigene trockene Handfläche.
»Ach.« Dutzende von Falten erschienen um ihre hellen Augen, als sie lächelte. »Ein Vampir.«
»Wie...?« Er runzelte die Stirn. »Woher wissen Sie das?«
»Schh. Ich werde Ihnen Ihre Zukunft voraussagen, und zwar umsonst.« Sie starrte hinunter auf seine Handfläche. Er beobachtete sie aufmerksam. »Ich sehe ein sehr langes Leben, doch da Sie ein Vampir sind, war das wohl nicht anders zu erwarten.« Ihr Finger folgte einer Linie in seiner Haut. »Sehr viel Gefahr.«
Er musterte sie vorsichtig.
»Ah, und ich sehe eine Liebesgeschichte. Eine tiefe und dauerhafte Liebe, die Ihr Leben für ewig verändern wird.«
Thierry lachte laut auf. Nachdem sie ihn als Vampir erkannt hatte, hatte er der alten Frau einen gewissen Vertrauensvorschuss gegeben. Doch jetzt vergeudete sie lediglich seine Zeit. »Ich habe noch nie jemanden geliebt. Und das werde ich auch nicht.«
»Nein«, stimmte sie zu. »Noch nicht. Seit sehr langer Zeit nicht. Doch es wird eines Tages jemand in Ihr Leben treten und die Spinnweben von Ihrer Seele wischen. Sie wird Licht in Ihre Dunkelheit bringen. Trotz vieler Auseinandersetzungen ist sie die Frau Ihres Lebens, und Sie werden um sie kämpfen.«
»Ich habe noch nie um eine Liebe gekämpft. Das ist es nicht wert.«
Sie lächelte ihn an und tätschelte seine Hand. »Sie werden kämpfen. Sie wird kommen, wenn Sie am wenigsten damit rechnen. Sie wird erkennen, wer Sie hinter Ihren ganzen Masken wirklich sind, und sie wird Ihr ganzes Leben verändern.«
Er hob leicht amüsiert eine Braue, griff in seine Manteltasche, holte ein paar Münzen heraus und drückte sie der alten Hexe in die Hand. »Ich glaube nicht an Märchen, alte Frau, aber haben Sie vielen Dank für das unterhaltsame Schicksal.«
Er ging weg, um in der Menge und in der Nacht zu verschwinden.
»Sie müssen nicht an sie glauben«, rief sie ihm hinterher. »Vielleicht muss das Märchen nur an Sie glauben.«
Unsinn, dachte er. Obwohl er sich aufgrund des Schmerzes in seiner Brust gewünscht hätte, dass er es hätte glauben können, verbannte er ihre Worte sofort aus seinem Kopf.